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Five Eyes ziehen die Reißleine: Neue Cyberstrategie fordert die vollständige Isolation kritischer Systeme
Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen gehören längst nicht mehr zu den theoretischen Bedrohungsszenarien westlicher Sicherheitsbehörden. Mit dem neuen Leitfaden „CI Fortify – Advice for Isolating Vital Systems“ veröffentlichen die Cyber- und Sicherheitsbehörden der sogenannten Five Eyes – Australien, Kanada, Neuseeland, Großbritannien und die USA – gemeinsam mit dem FBI erstmals konkrete Handlungsempfehlungen, wie Betreiber kritischer Infrastrukturen ihre wichtigsten Systeme im Ernstfall vollständig vom Rest der Welt trennen können.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Unternehmen sollen sich nicht mehr nur gegen Cyberangriffe schützen – sie sollen in der Lage sein, trotz eines erfolgreichen Angriffs ihre kritischen Dienste aufrechtzuerhalten.
Ein Strategiewechsel: Vom Schutz zur Überlebensfähigkeit
Lange Zeit konzentrierte sich Cybersecurity darauf, Angriffe möglichst zu verhindern. Firewalls, Intrusion Detection, Endpoint Security und Patchmanagement bildeten das Fundament moderner IT-Sicherheitskonzepte.
Der neue Leitfaden verfolgt einen anderen Ansatz.
Er geht ausdrücklich davon aus, dass staatliche Angreifer und Cyberkriminelle kritische Infrastrukturen gezielt angreifen, kompromittieren oder sich bereits unbemerkt in Netzwerken positioniert haben könnten. Betreiber kritischer Infrastrukturen sollen deshalb in der Lage sein, ihre lebenswichtigen Systeme vollständig von allen anderen Netzwerken zu isolieren und dennoch den Betrieb kritischer Dienstleistungen fortzuführen.
Das ist mehr als eine technische Empfehlung – es ist ein neues Sicherheitsparadigma.
Die sechs Schritte zur digitalen Notfallfähigkeit
Der Leitfaden beschreibt einen klar strukturierten Prozess, den Betreiber kritischer Infrastrukturen implementieren sollen:
- Identifikation aller lebenswichtigen Systeme und Netzwerke.
- Identifikation kritischer Kunden und abhängiger Infrastrukturen.
- Einstufung von Netzwerken und Systemen nach Kritikalität und Vertrauensniveau.
- Vollständige Dokumentation sämtlicher Verbindungen und möglicher Isolationspunkte.
- Aufbau wirksamer Trennungs- und Isolationsmechanismen.
- Entwicklung und regelmäßige Tests eines Isolationsplans.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Leitfaden ausdrücklich regelmäßige Tests verlangt. Ein Isolationskonzept, das nur auf dem Papier existiert, genügt den Autoren nicht.
Physische Trennung statt bloßer Netzsegmentierung
Besonders deutlich wird der Leitfaden bei der Frage, wie eine wirksame Isolation erreicht werden soll.
Physische Trennung gilt als bevorzugte Lösung.
Die Autoren unterscheiden ausdrücklich zwischen physischer Separation und Isolation. Während physische Separation bedeutet, dass kritische OT-Systeme keinerlei aktive Infrastruktur mit anderen Netzwerken teilen, beschreibt Isolation die Fähigkeit, diese Systeme im Bedarfsfall vollständig abzukoppeln und dennoch weiter betreiben zu können.
Für viele Betreiber dürfte diese Anforderung erhebliche organisatorische und technische Konsequenzen haben.
Cloud und moderne Netzwerktechnik sind kein Ersatz
Besonders interessant ist die Bewertung moderner Netzwerktechnologien.
Der Leitfaden stellt klar, dass administrative Maßnahmen wie VLANs, MPLS oder softwaredefinierte Netzwerke zwar sinnvolle Zwischenschritte darstellen können, jedoch keinen gleichwertigen Ersatz für physische oder kryptographische Isolation bieten. Unternehmen sollen sich deshalb nicht allein auf logische Netztrennung verlassen.
Gerade Betreiber komplexer Hybrid- und Cloud-Infrastrukturen dürften diese Empfehlung aufmerksam lesen.
Data Diodes und kryptographische Isolation gewinnen an Bedeutung
Wo eine vollständige physische Trennung technisch nicht möglich ist, empfehlen die Sicherheitsbehörden alternative Schutzmechanismen.
Hierzu gehören insbesondere:
- starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung,
- dedizierte Verschlüsselungssysteme an Netzgrenzen,
- Cross-Domain-Solutions,
- Data Diodes für streng kontrollierte Datenflüsse zwischen kritischen und nichtkritischen Netzwerken.
Insbesondere Data Diodes gelten seit Jahren als Hochsicherheitslösung für industrielle Steuerungsnetze. Dass gleich mehrere westliche Sicherheitsbehörden ihren Einsatz ausdrücklich hervorheben, unterstreicht ihre wachsende Bedeutung.
Isolation muss geplant und geübt werden
Der Leitfaden fordert nicht lediglich einen Notfallplan.
Vielmehr sollen Betreiber abgestufte Isolationsszenarien entwickeln. Je nach Bedrohungslage sollen zunächst Fernzugriffe deaktiviert, anschließend Verbindungen zwischen IT- und OT-Netzen getrennt und schließlich – falls erforderlich – sämtliche kritischen Systeme vollständig isoliert werden. Die einzelnen Eskalationsstufen sollen bereits im Vorfeld definiert und mit den Incident-Response-Prozessen verknüpft werden.
Damit ähnelt der Ansatz klassischen Business-Continuity- und Krisenmanagementkonzepten, erweitert diese jedoch um einen klar definierten Cyber-Notfallmodus.
Was bedeutet das für Compliance?
Der Leitfaden richtet sich zwar ausdrücklich an Betreiber kritischer Infrastrukturen.
Seine Bedeutung reicht jedoch weit darüber hinaus.
Die Veröffentlichung zeigt exemplarisch, wohin sich moderne Cyber-Compliance entwickelt.
Es genügt künftig nicht mehr, gesetzliche Mindestanforderungen zu erfüllen oder technische Schutzmaßnahmen zu dokumentieren. Unternehmen müssen nachweisen können, dass ihre kritischsten Geschäftsprozesse auch unter massiven Cyberangriffen funktionsfähig bleiben.
Cyber-Resilienz wird damit zunehmend zu einer Governance-Aufgabe.
Compliance, Business Continuity Management, Informationssicherheit und Krisenmanagement wachsen immer stärker zusammen.
Fazit
Mit „CI Fortify – Advice for Isolating Vital Systems“ senden die Sicherheitsbehörden Australiens, Kanadas, Neuseelands, Großbritanniens und der USA ein deutliches Signal: Die Frage lautet nicht mehr, ob kritische Infrastrukturen Ziel hochentwickelter Cyberangriffe werden, sondern wie lange sie unter diesen Bedingungen handlungsfähig bleiben.
Für Compliance-Verantwortliche bedeutet dies einen grundlegenden Perspektivwechsel. Resilienz entsteht künftig nicht allein durch Prävention, sondern durch die Fähigkeit, kritische Systeme kontrolliert vom Rest der digitalen Welt zu trennen und den Betrieb dennoch aufrechtzuerhalten.
Die eigentliche Botschaft des Leitfadens lautet deshalb nicht: „Schützt eure Netzwerke.“ Sie lautet: „Bereitet euch darauf vor, auch ohne sie weiterarbeiten zu können.“
Quellen
- Australian Signals Directorate (ASD), Australian Cyber Security Centre (ACSC), Cybersecurity and Infrastructure Security Agency (CISA), Federal Bureau of Investigation (FBI), National Cyber Security Centre (UK), Canadian Centre for Cyber Security, National Cyber Security Centre New Zealand: CI Fortify – Advice for Isolating Vital Systems, 2026.
- Download des Originaldokuments (PDF): CI Fortify – Advice for Isolating Vital Systems

